The Odyssey ist perfekt. Es scheint unmöglich, einen Stoff, der so alt ist, sich so hartnäckig der Umsetzung entgegenstellt, so wenig mit dem heutigen Sentiment gemein hat, besser zu verfilmen, als es Christopher Nolan getan hat. Er hat einen Film gemacht, mit dem alle leben können – zumindest jene, die noch alle Latten am Zaun haben. Die Stilisierung Agamemnons und seiner Rüstung ist, wie sich herausstellt, entgegen der Meinung „des Internets“, das sich über den Trailer lustig gemacht hatte, eine der besten Entscheidungen. Sie schafft in der Erzählung, die nur halbe Bösewichte kennt, einen dringend benötigten dunklen Pol. Gewiss eröffnet seine stilisierte Rüstung, die perfekt Benny Safdies Lippen weiterzeichnet, Deutungsmöglichkeiten, um einer schwer zu findenden politischen Deutung Interpretationsspielraum zu geben. Der Look macht ihn zu einer Art faschistischem Imperialisten, fair enough. Aber die eigentliche Stärke liegt darin, dass Agamemnon damit als Design-Fremdkörper etwas aus der übrigen Welt heraussticht. Die ist nämlich, vor allem was die Architektur angeht, so akkurat wie noch nie dargestellt.
Nolan gibt sich einige Mühe, die untergegangene mykenische Kultur, also die spätbronzezeitlichen Griechen, sauber zu rekonstruieren. Selbst die kretisch wirkenden Säulen sind da auf der Inselburg Ithaka nicht so fehl am Platz. Und überhaupt ist die geringe Größe selbst Ilions historisch wohl deutlich akkurater, als es der letzte große Film mit Brad Pitt zeigte. Historische Akkuratesse war freilich nicht Nolans einziges Ziel: Gerade der Kontrast von Stilisierung und Genauigkeit ist ihm gelungen wie noch keinem zuvor. Das wirkt irgendwie metamodern. Alles in diesem Film ist bedacht. Nur die eine Frage nicht: der Gehalt.
Gut, der Gehalt ist natürlich der Untergang der Zivilisationen, aber die Odyssee hat keine echten Schlachten zu bieten, und das wäre für das Publikum inakzeptabel – wieder so ein Punkt, wo Nolan die vom Hollywoodstandpunkt aus gesehen richtige Entscheidung getroffen hat. Mit Untergang der Zivilisationen meine ich etwas, worin sich Nolans Nerdtum positiv zeigt: Er bezieht Stellung zum bronzezeitlichen Kollaps vieler Hochkulturen der Welt um 1200 v. Chr., der von sogenannten Seevölkern bewirkt wurde. Zumindest war die Erklärung durch einfallende Seevölker lange weit verbreitet; heute geht man überwiegend von einem multifaktoriellen Geschehen aus. Gerade diesen Umstand kommentiert Nolan, indem er Odysseus sagen lässt: Vielleicht waren wir selbst eines der Seevölker, vielleicht waren wir die Invasoren. So weit, so woke. Die Entscheidung ist aber nicht schlecht, da sie zu einem möglichen Kaskadenmodell aus Migration, Verdrängung und gegenseitigem Druck passt: Der jeweils Nächste muss dran glauben – klingt bekannt, oder?
Sie ist aber auch Teil einer Modernisierung des Stoffes, die Nolan anstrebt: Odysseus als der geläuterte Imperialist. Er bereut seine Tat, hat er doch mit dem Trojanischen Pferd, das seine Idee war, die eigentliche Verantwortung für das Schlachten und die durch mehrere erstochene Frauen bei der Eroberung angedeuteten Massenvergewaltigungen zu tragen. Eine smarte Entscheidung eines (Proto-)Wissenschaftlers kann das eigentliche Übel sein. Robert Oppysseus. Dazu passen die fallenden Ziegel-Twin-Towers, die in Troja das Unbewusste des Publikums ein wenig kitzeln sollen.
Auch die weiblichen Figuren hat Nolan ganz gut hingekriegt. Griechische Frauenfiguren zu modernisieren, ist, wie einen Diesel so umweltfreundlich zu machen wie ein Elektroauto. Nolan navigiert hier genau richtig zwischen zwei Polen: Einerseits bleibt er zahlreichen Motiven des Stoffes eng verbunden, andererseits reduziert er die Frauenfiguren nicht auf Gefangene und Sexualobjekte.
Dass das nicht zu Tár führt, ist klar, dass sie manchmal wie im Prokrustesbett zugeschnitten wirken, auch. Penelope wartet zwar scheinbar treudoof auf ihren schiffbrüchigen Ehemann (der bei Nolan natürlich auch nicht mal wirklich ehebrüchig wird), aber sie tut das, weil sie eine sehr starke MILF ist (im wahrsten Sinne des Wortes) und weil es auch irgendwelche Machtdynamiken inklusive Thronfolge gibt, denen Rechnung getragen werden muss, was sie ihrem Sohn in einem Streitgespräch erklärt.
Hier ist eine der wenigen Schauspielszenen des Films, und Anne Hathaway bewältigt sie gut. Im Wege stehen ihr dabei einige inhibierte Gesichtsmuskeln, aber das ist Hollywood-Normalität, und allzu viel Schauspiel hätte diesem Film auch nicht gutgetan: Es passt nicht zu Nolans ästhetischem Ansatz. Matt Damon tut ganz gut daran, es gar nicht erst zu versuchen. So langsam, mit entsprechendem Bartwuchs, wird er den Mr. Ripley und den Will Hunting los. Es wurde ja auch Zeit.
Kalypso ist auch gut modernisiert, auch sie eine starke MILF. Auch hier hat Nolan eine gute Entscheidung getroffen: Die Lotophagen-Episode ist in ihr aufgegangen; es ist nun Odysseus, der den Lotos isst, um sein PTSD zu kurieren und zu vergessen, was er getan hat, und es ist Kalypso, die ihm den Lotos gibt, um ihn bei sich zu behalten. Statt dass ein Götterbote auf Geheiß des Göttervaters sie zwingen muss, ihn freizugeben, checkt Kalypso, dass Odysseus selbst unter Drogen nicht ganz bei ihr ankommt, und hat ein Einsehen. Sie ist es, die ihm hilft, sich zu erinnern, was weniger nobel ist, da sie ihn ja ursprünglich vergessen gemacht hat, aber damit gewinnt sie die Tiefe, die eine Hollywoodfigur erreichen darf, und kann Größe zeigen, indem sie ihn gehen lässt – nein, sogar indem sie ihn weise darauf hinweist, dass er ohnehin schon am Bauen seines Floßes ist.
Die dritte Frauenfigur, Zendaya – pardon – Athena, ihres Zeichens ja eigentlich nicht nur Göttin der Klugheit, sondern auch der Kriegskunst, ist besonders klug modernisiert. Sie hat zunächst etwas von einer dritten Liebe des Odysseus, besonders wenn sie ihm am Schluss die Hand reicht. Hierzu lohnt es sich, die Darstellung der Götter in Hollywoodfilmen zu verfolgen. Einerseits muss Hollywood natürlich eine christlich ge-cross-washte Version polytheistischer Religionen anbieten, sonst würde das Publikum die Filmrollen anzünden. Die Protagonisten sind immer irgendwie skeptisch bezüglich ihrer Existenz, glauben aber schon an einen Gott der Philosophen, der mit dem Gott des Christentums vereinbar ist. Unter einem solchen Paradigma mussten unter dem Realismus der Nullerjahre als Erstes die Götter dran glauben. In Troy von 2004 gibt es nur die Menschen und ihre Eitelkeiten; göttliche Mächte sind gänzlich herausgestrichen, was mit der Ilias auch gut machbar ist.
Die Odyssee ist dagegen aber eine Märchensammlung, die von Sagengestalten wie Polyphemos (nette Idee mit dem Auge!) und den Laistrygonen (die mussten wir alle noch mal googeln) nur so wimmelt. Nolans Entscheidung, nur Athena zu zeigen und keine anderen Götter, wäre also ziemlich eigensinnig. Aber die Wende kommt dann gegen Ende: Es zeigt sich, dass Athena zumindest auch das traumatische Erinnerungsbild einer ermordeten Frau ist, das Odysseus mit sich herumträgt. Zendaya ist eine Priesterin der Athena, deren Ermordung er in Troja mitansehen musste. Natürlich hat er sich nicht selbst an Unschuldigen vergangen – Zeus bewahre, das hätte ja zu einer Tragik griechischen Ausmaßes geführt. Wenn ihr Kopf rollt, sieht man nur den Kopf der Statue der Athena rollen, und durch Kontiguitätslernen haben sich beide Reize miteinander gekoppelt, oder so.
Einen ähnlichen Stunt führt Nolan am Schluss durch. (Spoiler-Allergiker schauen nun bitte weg) Odysseus ist durch die Abschlachtung der Freier, die er mangels richtiger Waffen zeitweilig mit Pfeilspitzen perforieren musste, so erschöpft, dass er in den Armen Penelopes zusammenbricht. Sein Sohn Telemachos Holland darf König werden, die natürliche Thronfolge ist eingeleitet, ein nichtaristokratischer Machtwechsel ist – Zeus bewahre – durch das Blutbad noch einmal abgewendet.
Aber dann überlebt er doch – der Zorn der Nerds ist abgewendet – und reist mit Penelope in ein symbolisches Elysium wie Frodo und Gandalf. Also doch Machtwechsel, aber geordnet. Hoffentlich schaut Donald Trump den Film.
The Odyssey ist genauso gut, wie er hatte werden können. Alle machen ihren Job gut, die Musik von Ludwig Göransson ist deutlich weniger enervierend als die von Hans Zimmer, und natürlich hört man einen schön dissonanten, aber nicht zu dissonanten Aulos (das allseits beliebte griechische Doppelrohrblattinstrument). Auch hier: Nichts tut weh, zumindest nicht dem, der noch alle Latten am Zaun hat. Aber wer hat heute denn noch alle Latten am Zaun? Ich gewiss nicht, und deswegen muss ich doch noch anführen, dass The Odyssey kein “echtes” Kunstwerk ist.
Nolan ist der beste Handwerker des zeitgenössischen Kinos. Er kann Größe, er kann Bilder, er kann seine Drehbücher so bauen, dass keine Logikfehler drin sind (und nein, Tenet hatte keine Logikfehler – es war einfach nicht möglich, das alles beim ersten Schauen zu verstehen, was man dem Film gerne vorhalten kann). Aber Nolan ist eigentlich kein Künstler. Man wage nur einmal den kühnen Gedanken, Pasolini hätte den Film inszeniert. Gewiss wäre das alles viel langweiliger geworden und hätte nicht über drei Stunden getragen. Aber allein die Callas, die Pasolini für Medea inszeniert, ist auch eine MILF, und ihre Präsenz trägt von Anfang bis Ende. Das Motiv der Verlorenheit der Zivilisation ist hier auch vorhanden, sozusagen Pasolinis Grundthema.
Man muss das alles nicht so machen. Aber man sieht, was Nolan alles nicht kann: das, was übers Handwerk hinausgeht. In anderen Filmen wie Tenet und Inception kompensiert er diesen Mangel mit ausgeklügelten Ideen; und damit ist auch benannt, warum diese Experimente, die mir persönlich ganz lieb sind, bei vielen im Publikum nicht ziehen. Diese Konzepte sind immerhin eine Bauanleitung für das meisterliche Handwerk, mit dem Nolan sie in seiner sehr gut in die Zeit passenden Sprödigkeit auskleidet. Hier hat er sich die Aufgabe gestellt, mit IMAX Kamera und wenigen Computereffekten zu arbeiten. Unkünstlerisch ist das, weil ein echter Künstler nicht sich selbst Beschränkungen auferlegt, sondern weil er mit denjenigen, die ihm die Realität auferlegt, nicht einverstanden ist. Und natürlich kann man sich um Interpretationen dieses Werkes bemühen und auch irgendwie was finden, aber eigentlich ist da nicht viel mehr. What you see is what you get. Man geht in The Odyssey und bekommt genau das. Nicht mehr und nicht weniger. Preis-Leistungs-Verhältnis 10/10. Genau die Version, die unsere Zeit verdient hat.
Kommentare von stephan